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Unterschiede zwischen Box- und Systemaschlägen

von Andreas Weitzel

Angeregt durch eine Diskussion im Internet möchte ich ein paar Sätze zu wirklichen Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen Box- und Systemaschlägen schreiben. Beide Schläge kann man mit lockeren Armen durchführen. Beide können sehr schnell sein. Und beide können eine sehr zerstörerische Wirkung haben. Man erzählt viel davon, dass die Systemaschläge sich besonders anfühlen, tiefere Wirkung haben usw. Aber dasselbe können die Boxschläge.

Der erste wichtige Unterschied ist, dass man im Systema versucht, diese Wirkungen genau zu dosieren und zu erreichen. Nicht einfach schlagen, damit es weh tut, oder damit der andere KO geht. Sondern schlagen, damit genau dieser oder jener Muskeln sich an- bzw. entspannt. Oder damit der Angreifer sein Gleichgewicht unbedingt in diese oder jene Richtung verliert. Oder damit der Schlag bestimmte Emotionen (Angst, Trauer, Unsicherheit, Wut, Zorn, Panik, Gleichgültigkeit usw.) beim Gegner gezielt auslöst. Oder damit nur die Atmung kurzzeitig weg bleibt. Oder einfach damit der Angreifer nur stehen bleibt. Im Systema beschäftigt man sich also mit allen Einzelheiten der Schlagwirkungen und versucht genau diese Wirkungen hervorzurufen. Alle diese Wirkungen kann man auch im Boxen beobachten. Aber dort entstehen sie meistens zufällig oder spontan. Bei Boxkämpfen sieht man manchmal, wie ein Sportler den anderen schlägt und fast einen KO erreicht. Aber er lässt sofort einen zweiten Schlag und einen zweiten Treffer folgen, und plötzlich ist der zweite Boxer wieder fit. Was haben wir hier? Der erste Schlag hat dem Gegner die Kraft "genommen", der zweite "gegeben". Genau solche Wirkungen setzt man im Systema gezielt und bewusst ein.

Der zweite wichtige Unterschied liegt darin, dass man im Systema versucht, alle diese Wirkungen mit einem minimalen Kraft- bzw. Energieaufwand zu erzielen. Manchmal sieht man im Boxen, wie ein scheinbar leichter Schlag, der sein Ziel zufällig trifft (Glück gehabt!), einen KO auslöst. Aber kein Boxer strebt danach, einen KO absichtlich mit minimaler Kraft zu erreichen. Jeder versucht möglichst wuchtige und kräftige Schläge auszuführen, um auf Nummer sicher zu gehen. Genau das versucht man im Systema zu vermeiden. Man lernt, wie viel Kraft nötig ist, um ein Ziel (z.B. Gleichgewichtsbruch, KO, Muskelverspannung usw.) zu erreichen. Jede Anstrengung, die darüber hinausgeht, wird eigentlich als ein Fehler betrachtet. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass man so etwas nicht an einem Tag lernt. Es dauert schon etwas. Aber das ist das Ziel, das man im Systema anstrebt. Der Grund dafür, dass man einen minimalen Kraftaufwand anstrebt, ist die Sorge um die eigene Gesundheit. Ein Boxer ist meistens nur eine stark begrenzte Zeit aktiv. Systema will man sein Leben lang machen, ohne sich selbst zu schaden.

Und der dritte wichtige Unterschied betrifft die Anwendbarkeit der Schläge. Im Boxen werden die Schläge nur zu einem Ziel verwendet: Zerstörung. Das ist ein gutes Recht des Boxsports. Im Systema setzt man die Schläge nicht nur zur Selbstverteidigung, sondern gezielt ausgeführt und präzise dosiert zur Förderung bzw. Verbesserung der Gesundheit ein. Es ist, wie mit dem Schlangengift: Zuviel davon kann Schaden anrichten, aber eine richtig dosierte Menge zum richtigen Zeitpunkt ist Heilmittel.

Alle anderen Aspekte (Auftrefffläche, Stabilität, Winkel usw.), die ich in meinem Artikel „Faustschlag“ erläutete, sind somit Mitteln, um die oben genannten Ziele zu erreichen.

25.09.2006


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