artikel Einige Grundbegriffe des Systema
von Andreas Weitzel
Ich möchte gerne die Gelegenheit
nutzen, die Russische Kampfkunst Systema näher vorzustellen. Die drei
Grundsäulen, auf denen Systema basiert, sind die Atmung, die Form und der
Zustand.
Die Atmung:
Die richtige Atmung ist die wichtigste Voraussetzung dafür, dass der Körper
und die Psyche eines Menschen optimal funktionieren.
Man atmet durch die Nase ein, um zu gewährleisten, dass die eingeatmete Luft
die richtige Temperatur und Feuchtigkeit hat. Und man atmet durch den Mund
aus, um die Überhitzung zu vermeiden.
Man atmet gleichmäßig, so dass das Einatmen und das Ausatmen gleich lang
sind, und ununterbrochen, um den Mangel an Sauerstoff zu vermeiden. Wenn die
Sauerstoffzufuhr zu dem Gehirn und dem Herz immer wieder unterbrochen wird,
kommt es zu Angstgefühlen (psychische Verkrampfungen), die körperliche
Verkrampfungen auslösen (z.B. viel zu sehr angespannte Muskulatur). Diese
Kettenreaktion führt schließlich dazu, dass man sich ganz der Panik
verfällt, oder dass man ausrastet. Beides bedeutet den Verlust der Kontrolle
über sich selbst und der Situation.
Die Atmung soll immer an die körperliche/psychische Belastung angepasst
werden. Je größer die Belastung ist, desto kürzer und intensiver ist die
Atmung. Dabei soll sie mit der Bewegung übereinstimmen und sie sogar leiten.
Dies bedeutet, dass die Atmung immer vorausgeht, und die Bewegung ihr folgt.
Man soll mit dem ganzen Körper atmen, d.h. dass man in den ganzen Körper
einatmen und aus dem ganzen Körper ausatmen soll. Auf diese Art und Weise
sorgen wir für die Ganzheit des Körpers und der Bewegung.
Außerdem kann man mit einer solchen Atmung (verbunden mit bestimmt An- und
Entspannungen der Muskulatur) Verletzungen bzw. Verspannungen an dem eigenen
Körper feststellen, sie beseitigen bzw. heilen, die Körpertemperatur, den
Bluthochdruck und den Herzschlag/Puls regulieren und steuern.
Mit Atemübungen kann man außerdem Herz-/Kreislaufkrankheiten, sowie
Krankheiten des Nervensystems heilen. Genauso werden damit Knochen, Gelenke,
Sehnen und Muskeln "repariert".
Im Kampf ist die richtige Atmung die Grundlage für eine ruhige und
ausgeglichene Psyche und kontrollierte, lockere, fließende und
ununterbrochene Bewegungen. Sie erlaubt uns, Schläge und Tritte mit
minimalem Krafteinsatz und maximaler Wirkung auszuführen, sowie die Wirkung
der gegnerischen Treffer zu "neutralisieren" oder aus Hebel-/Würgegriffen
unbeschadet und schnell herauszukommen.
Die richtige Atmung ist somit die wichtigste Voraussetzung für die
Funktionsfähigkeit unseres Körpers und unserer Psyche.
Die Form:
Damit meint man die Körperhaltung, die Bewegungskultur und
Körperbeherrschung.
Zur Körperhaltung: Das Zauberwort hier ist GLEICHGEWICHT. Am wichtigsten
ist, dass der Rücken stets gerade bleibt. Der Kopf wird nicht nach unten
gesenkt, sondern gerade gehalten. Die Schulter- und die Hüftenlinie sind
stets horizontal und parallel zum Boden. Die Wirbelsäulenlinie ist dagegen
immer vertikal und senkrecht zum Boden. Die Muskeln sind immer entspannt und
locker. Die Knie sind leicht angewinkelt. Die Füße stehen vorzugsweise
schulterbreit und auf der gesamten Fußsohle.
Die Bewegungskultur beinhaltet viele Aspekte. Am wichtigsten ist wieder das
Gleichgewicht. Man achtet immer darauf, dass die Bewegung mit der Atmung
übereinstimmt (siehe Atmung). Alle Bewegungen sind ununterbrochen,
gleichmäßig, fließend, ruhig, entspannt, locker.
Die Schritte sind kurz, um nicht aus der Form zu fallen. Die Füße sollen
dabei möglichst unter dem Körper bleiben. Wenn man Schritte macht, bewegt
sich jeder Fuß selbständig und wird nicht nachgezogen. Dabei bewegt sich der
gesamte Körper als ein Ganzes. Bei den Schritten ist immer darauf zu achten,
dass die Fußsohlen möglichst viel Kontakt mit dem Boden haben. Wenn man z.B.
geht, läuft oder rollt, soll das Gefühl und der Eindruck entstehen, dass das
eine einzige Bewegung ist. Die Bewegungen werden niemals ruckartig
ausgeführt.
Beim Rollen und Fallen ist stets darauf zu achten, dass man absolut leise
bleibt. Dies zwingt einen, die Rollen sehr entspannt und weich auszuführen,
und sichert, dass man sich beim Fallen nicht verletzt.
Falsch ist, wenn man versucht, etwas (z.B. Schlagen, Treten, Werfen etc.)
mit Kraft auszuführen. Kraft und Schnelligkeit sind Fähigkeiten, die sehr
schnell verloren gehen können, z.B. durch Krankheit, Verletzung, Verwundung,
Erschöpfung usw. Daher wird empfohlen, zu lernen, wie man seine Bewegungen
ohne diese Fähigkeiten effektiv ausführt (was natürlich nicht heißt, dass
man sie nicht trainieren soll). Bei jeder Bewegung soll man möglichst wenig
Muskeln einsetzen; das heißt, dass alle Bewegungen äußerst ökonomisch und
sparsam sein sollen.
Zur Körperbeherrschung: Nicht der Körper soll bestimmen, was wir tun,
sondern umgekehrt. Als Erstes lernt man, die An- und Entspannung der Muskeln
bewusst zu steuern. Das heißt, dass man fähig sein soll, die Reihenfolge und
die Geschwindigkeit der An-/Entspannung zu bestimmen. Diese Fähigkeit kann
man soweit entwickeln, dass man dies sogar innerhalb von einem einzelnen
Muskeln machen kann.
Diese Fähigkeit baut man in der Bewegung aus, so dass der Körper sich in
jede Richtung bewegen (auch auf dem Boden) und diese auch jederzeit ändern
kann. Ohne das Gleichgewicht und die Qualität der Bewegung zu verlieren. Der
Körper muss fähig sein, sich als ein Ganzes zu bewegen. Gleichzeitig muss
sich jedes einzelne Körperteil selbständig bewegen können.
Alle Bewegungen werden so ausgeführt, dass man weder sich selbst, noch den
Gegner belastet bzw. unter Druck setzt.
Der Zustand:
Darunter verstehen wir unseren psychischen, mentalen, geistigen und
seelischen Zustand. Bleiben wir doch zunächst bei der Psyche. Für sie gelten
eigentlich die selben Regeln, wie für den Körper. Unsere Psyche muss stets
entspannt, locker, ruhig bleiben. Wir müssen sie jederzeit kontrollieren
können. Wenn die Psyche sich verkrampft, indem wir Angst, Zorn, Wut, Panik,
Kummer oder Ähnliches verspüren, verkrampft sich gleichzeitig der Körper.
Die Muskeln werden angespannt. Unsere Bewegungen werden steif, grob oder
hektisch, chaotisch. Das passiert meistens dann, wenn die Atmung falsch ist
(siehe Atmung).
Auf der anderen Seite wird unsere Psyche von Bewegungen beeinflusst, die wir
ausführen. Wenn man seine Bewegungen immer wieder unterbricht, Muskeln
unnötig anspannt, sich immer von einer Position zu der anderen bewegt,
anstatt zu "fließen", wirkt sich das negativ auf die Psyche. Man wird
nervöser, härter, hektischer, manchmal brutaler. Und dann geht das Ganze von
vorne los. Man denkt so, wie man sich bewegt. Man bewegt sich so, wie man
denkt.
Man soll darauf achten, dass sowohl der Körper, als auch die Psyche sich im
Gleichgewicht befinden. Man darf sich in Extremsituationen nicht von
Emotionen leiten lassen, sondern soll stets einen kühlen Kopf bewahren und
überlegt handeln.
Auch darf man NIE die Grenze der menschlichen Vernunft überschreiten, indem
man einen anderen Menschen (sei es auch einen Angreifer) unnötig verletzt
oder gar tötet. Jeder soll die Verantwortung für seine Taten übernehmen und
tragen. Umso mehr soll man sich dieser Verantwortung bewusst sein, wenn man
das Wissen darüber besitzt, wie man einen Menschen effizienter verletzen
kann.
Faustkampf:
1) Körperhaltung: Aufrechte Körperhaltung mit geradem Rücken; das Kinn wird
gerade gehalten; Schulter und Hüften sind waagrecht; die Wirbelsäule
senkrecht; entspannte Muskulatur; Füße stehen schulterbreit; Knie leicht
gebeugt; das Gewicht ist auf beiden Füßen gleichmäßig verteilt; Hände
entweder unten, seitlich vom Körper oder vor dem Körper (Brustkorb)...
2) Schrittarbeit: Lockere, entspannte Schritte; die ganze Fußsohle hat
festen Kontakt mit dem Boden; jeder Fuß macht seinen eigenen Schritt (Füße
werden nicht nachgezogen)...
3) Verteidigung: Bei jedem Angriff verlässt man die Angriffslinie; dann
lässt man den gegnerischen Schlag einfach vorbei gehen, oder man leitet ihn
mit Händen, Unterarmen, Ellenbogen, Schultern oder mit dem Körper weiter;
eine beliebte Alternative zum Weiterleiten ist der direkte Angriff zu
gegnerischen Extremitäten oder zum gegnerischen Körper...
4) Schläge: Man schlägt vorwiegend mit der Faust, aber auch mit Handfläche,
-rücken und -kante, sowie mit Ellenbogen und Schultern; man schlägt
vorzugsweise auf weiche Körperteile (Muskeln); die Schläge sind sehr
entspannt und werden mit minimalem Krafteinsatz und einer Kreis- bzw.
Ellipsenbewegung ausgeführt; die Faustschläge werden nur mit dem Arm
ausgeführt, ohne Einsatz von Schultern, Hüften und Körper; der Arm wird
nicht durchgestreckt; bei Faustschlägen bleibt das Handgelenk immer fest und
gerade, die Verlängerung der Gerade zwischen der Faust und dem Ellenbogen
geht immer am eigenen Körper vorbei, niemals durch den Körper; die
Trefferfläche ist die gesamte vordere Faustfläche; die Faustschläge können
sowohl oberflächig, als auch tief wirkend sein...
Die Muskelkraft spielt dabei keine Rolle. Es ist sogar erwünscht, dass man
ohne Kraft schlägt. Die Wirkung wird eben durch die anderen Faktoren
erzielt: Lockerheit, entspannte Muskulatur (besonders Schulter), präziser
Treffer (die gesamte Faust "saugt" sich an den gegnerischen Körper), direkte
Impulsübertragung durch das absolut gerade und feste Handgelenk, Vermeiden
des Kraftverlustes beim Rückschlag, perfektes Zusammenspiel zwischen Atmung
und Bewegung (Schlag)...
Kontaktlose Arbeit:
Fangen wir doch mal mit dem Begriff "kontaktlose Arbeit" an. Für mich gibt
es zwei Varianten des kontaktlosen Kampfes:
1) Das Ziel ist, den anderen nicht zu verletzen. Man führt Schläge und
Tritte in der Luft aus, es gibt Kampfrichter und Wettkampfregeln usw. Das
ist ein Sport, wie jeder andere (z.B. Eiskunstlauf), in dem man Medaillen
und Pokale gewinnt.
2) Wenn ein erfahrener/geübter/kluger Kämpfer versteht, dass es für ihn
gerade eben bequem war, aber plötzlich befindet er sich in einer Situation,
aus der er nur durch "fliegen" (fallen, abrollen etc.) herauskommen kann
(sonst wird es noch schlimmer für ihn), und macht eine Bewegung, die für
Außenstehende wie ein Sturz nach einem "kontaktlosen Schlag/Tritt/Wurf"
aussieht.
Einem Unerfahrenen/Ungeübten/Unklugen kann man eine kleinere (wenn er zum
Lernen kommt) oder auch größere (wenn er kämpfen oder etwas beweisen will)
Lektion verpassen.
Im Systema reden wir von der zweiten Variante.
Die Leute fallen, weil ihre Schutzreflexe eingeschaltet werden. Da es aber
viele Reflexe gibt, kann man sie alle mit einer RICHTIGEN Bewegung
gleichzeitig einschalten. Damit werden widersprüchliche Reaktionen erzeugt,
und der Mensch "fällt" auseinander. Um es einfacher zu beschreiben: Man
läuft in viele Richtungen gleichzeitig.
Je besser man trainiert ist, desto besser sind die Schutzreflexe. Und je
besser die Schutzreflexe sind, desto... Was? Richtig! Desto gefährlicher
wird man für sich selbst.
Es stellt sich hier natürlich die Frage: Woher soll man denn wissen, ob die
Bewegung RICHTIG ist? Die Antwort ist einfach: Wenn der Gegner auf den Boden
fällt, dann war sie richtig; wenn nicht, dann war sie falsch.
Es gibt natürlich Situationen, wenn der Gegner oder Trainingspartner
entweder unerfahren/ungeübt/unklug oder einfach stur ist. Dann macht man es
auch ganz einfach: Man setzt seine Bewegung fort. Wenn die Fortsetzung
richtig ist (Treffer), dann geht der Gegner zu Boden. Wenn nicht, wird man
von dem Gegner für den Fehler bestraft (Konter etc.).
Wie man sieht, ist die so genannte "kontaktlose Arbeit" im Systema reine
Psychologie.
09.09.2003
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